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Ein beleuchteter Luftschutzstollen in Stuttgart-Feuerbach zeigt die historischen Schutzräume aus dem Zweiten Weltkrieg.

Werkluftschutzstollen Panzerfaust

Der Luftschutzstollen Panzerfaust befindet sich am Fuß des nach Westen ausgerichteten Hangs mit der Bezeichnung Dachsrain. Darüber der Burgholzhof mit den Robinson Barracks, einem Wohnquartier und Militärstützpunkt der US-Streitkräfte.

Inhaltsverzeichnis

Vom Aussichtspunkt Burgholzkopf unterhalb der Straße  „Roter Stich“ blickt man über ganz Stuttgart-Feuerbach und darüber hinaus. Unser Augenmerk liegt im Bereich zwischen Heilbronnerstraße und Siemensstraße. Bereits vor dem Zweiten Weltkrieg war dieser Bereich stark industrialisiert und beherbergt diverse Firmen. Während des Zweiten Weltkriegs sind hier unter anderem die Firmen Robert Schenk Wagenfabrik, Behr GmbH & Co. KG, Maschinenfabrik Gg. Kiefer GmbH sowie die Firma Zimmermann (Glasbedachungen) angesiedelt.

Der LS-Stollen Panzerfaust

Während des Zweiten Weltkriegs entschlossen sich die Verantwortlichen, eine Stollenanlage zu errichten. In dieser sollten unter anderem die Werksarbeiter der zuvor genannten ansässigen Firmen Schutz finden. Welche Firmen in welchem Umfang beteiligt waren, ließ sich anhand der spärlichen Unterlagen nicht eindeutig bestimmen. Als gesichert kann jedoch die Firma Robert Schenk Wagenbau genannt werden. Bis zuletzt befand sich im Luftschutzstollen ein Schild mit dem Hinweis, welcher Bereich der Firma Schenk zugeteilt war.

Mit der Zunahme der Luftangriffe wurde die Stollenanlage schließlich auch der Zivilbevölkerung zugänglich gemacht. Der Bau der Anlage wurde jedoch nie vollständig abgeschlossen, wie wir später noch sehen werden.

Robert Schenk Wagenfabrik

Die Firma Robert Schenk Wagenbau in der Siemensstraße 140, Stuttgart-Feuerbach, war während des Zweiten Weltkriegs ein metallverarbeitender Betrieb im Bereich Karosserie- und Fahrzeugbau. Das Unternehmen fertigte vor allem Aufbauten für Lastwagen, Anhänger und Spezialfahrzeuge, die auf Fahrgestellen größerer Hersteller montiert wurden. Im Rahmen der deutschen Kriegswirtschaft stellte der Betrieb militärische Transport- und Werkstattaufbauten für Fahrzeuge der Wehrmacht her. Damit gehörte Robert Schenk Wagenbau zu den Zulieferbetrieben der Fahrzeug- und Transportlogistik der Wehrmacht.

Julius Fr. Behr KG

Die Julius Fr. Behr KG ebenfalls mit Sitz in Stuttgart-Feuerbach, war während des Zweiten Weltkriegs ein bedeutender Hersteller von Kühl- und Wärmetauschersystemen für Motoren. Das Unternehmen produzierte insbesondere Motorkühler für Flugzeuge, Lastwagen und andere militärische Fahrzeuge und war damit direkt in die deutsche Rüstungswirtschaft eingebunden. Die Bauteile kamen unter anderem in Motoren der Luftwaffe sowie in militärischen Fahrzeugen zum Einsatz. Behr gehörte damit zu den technischen Zulieferbetrieben der Motoren- und Fahrzeugindustrie im Krieg.

Maschinenfabrik Gg. Kiefer

Die Maschinenfabrik Gg. Kiefer war ein Maschinenbau- und Metallverarbeitungsbetrieb im Stuttgarter Industriegebiet. Während des Zweiten Weltkriegs stellte das Unternehmen mechanische Bauteile, Metallkonstruktionen sowie Klima- und Lüftungsanlagen für technische und industrielle Anwendungen her. Dazu gehörten auch Belüftungsanlagen für Luftschutzstollen und Bunker, wie sie beispielsweise in der Führungsanlage Killesberg eingesetzt wurden. Die Produktion diente überwiegend als Zulieferung für größere Industriebetriebe und militärische Infrastruktur, wodurch die Maschinenfabrik Gg. Kiefer zu den technischen Zulieferbetrieben der Kriegswirtschaft im Raum Stuttgart zählte.

G. Zimmermann

Die G. Zimmermann Glasbedachungen, war ein Unternehmen für Glas- und Stahlkonstruktionen, das sich auf Oberlichter und Glasdächer für große Industriehallen spezialisierte. Während des Zweiten Weltkriegs fertigte der Betrieb vor allem Dach- und Oberlichtkonstruktionen für Fabrikgebäude und industrielle Anlagen, die für die Produktion benötigt wurden. Solche Glasbedachungen ermöglichten eine bessere Ausleuchtung großer Werkhallen durch Tageslicht. Anlagen dieser Art kamen unter anderem in Industriegebäuden von Robert Bosch GmbH sowie in Werkhallen von Daimler-Benz AG zum Einsatz. Damit war das Unternehmen vor allem an der baulichen Infrastruktur der Industrie beteiligt, die während des Krieges weiter genutzt wurde.

Die denkmalgeschützte Villa Zimmermann in der Siemensstraße 180 mit ihrem auffälligen Uhrenturm ist noch heute gut sichtbar für alle, die von der A81 kommend über die B27 nach Stuttgart auf die Heilbronner Straße einfahren.

Das Bild zeigt die Villa Zimmermann mit Uhrenturm im Vordergrund und im Hintergrund den Hang des Dachsrains. Der gelbe Pfeil zeigt den ungefähren Standort des LS-Stollens.

Die Produktionsstätten der Firma G. Zimmermann müssen sich rechts im Bild in unmittelbarer Nähe zur Villa befunden haben.

Der Stollen Panzerfaust im Detail

Von der Villa Zimmermann betrug der Fußweg zum Luftschutzstollen etwa 600 Meter. Im Laufschritt konnte man das Schutzbauwerk in etwa fünf Minuten erreichen. Dies galt auch für die Werksarbeiter der angrenzenden Werkhallen.

Der Stollen verfügte über sechs Zugänge entlang des Dachsrain. Der letzte noch erhaltene Eingang mit der Bezeichnung 4 wurde im Jahr 2025 vom Tiefbauamt der Stadt Stuttgart mittels Betonsteinen verschlossen. Zuvor war die Zugangstür massiv zerstört worden und hing nicht einmal mehr in den Scharnieren.

Die Stollenanlage dehnt sich über eine Fläche von 260 × 80 Metern aus, und die Gesamtlänge der aufgefahrenen Stollen beträgt etwa 1035 Meter bei einer Gesamtfläche von 2130 Quadratmetern. Zieht man von der Gesamtfläche die Zugangsstollen und Gasschleusen mit 670 Quadratmetern ab, bleibt für die schutzsuchenden Personen eine Fläche von 1460 Quadratmetern.

Theoretische Rechnerei der Schutzplätze

Geht man davon aus, dass jeder schutzsuchenden Person etwa 0,6–0,8 Quadratmeter zur Verfügung standen, konnten sich auf Grundlage der vorhandenen Quadratmeterzahl etwa 1800–2400 Personen im Stollen aufhalten.

In den „Bestimmungen für den Bau von LS.-Stollenanlagen – Fassung Juli 1943“ findet sich auch:
 
Bei Berechnung der erforderlichen Anzahl der Zugänge sind folgende Maße und Personen­zahlen zu Grunde zu legen:

Lichte Breite eines Zuganges
1,20 m – bis zu 150 Personen
2,40 m – bis zu 300 Personen

Die Zugänge 1, 2 und 6 sind jeweils 1,50 m breit, während die Zugänge 3, 4 und 5 eine Breite von 2,40 m aufweisen. Ausgehend von einer Kapazität von etwa 150 Personen bei 1,20 m Breite bzw. 300 Personen bei 2,40 m Breite ergibt sich für einen 1,50 m breiten Zugang eine Kapazität von rund 187 Personen. Damit können über die drei 1,50 m breiten Zugänge insgesamt etwa 561 Personen und über die drei 2,40 m breiten Zugänge insgesamt etwa 900 Personen abgeführt werden. Insgesamt ergibt sich somit eine mögliche Personenzahl von rund 1.460 Personen.

Dies ist natürlich eine rein theoretische Rechnung nach den Bestimmungen und soll lediglich dabei helfen, die ungefähre Personenzahl besser eingrenzen zu können.

Die Anzahl der offiziellen Schutzplätze im Luftschutzstollen Panzerfaust kann also bei 1460 bis 2400 gelegen haben.

In der Praxis

In der Praxis war der Stollen während der Luftangriffe, vor allem im Sommer 1944, sicherlich deutlich überbelegt. Alle Quergalerien und Verbindungsstollen besaßen eine lichte Breite von 2,40 m und eine Höhe von 2,30 m.

Der Ausbau erfolgte in Betonblocksteinen und Betonstelen; nahezu alle Aufenthaltsbereiche waren weitgehend ausgebaut. Auch der Bereich, in dem die Toiletten getrennt für Frauen und Männer untergebracht waren, konnte von mir ausfindig gemacht werden. Der nachfolgende Grundriss zeigt den Stollen Panzerfaust in seinem heutigen Istzustand (2025).

Grundriss der Stollenanlage 2025

 

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Unfertig blieb ein Großteil der Gasschleusen; lediglich der Bau der Schleuse 3 konnte weitestgehend abgeschlossen werden. Im folgenden Plan ist sie grün eingerahmt. Zusätzlich befand sich links vor der Gasschleuse 3 ein separater Raum, der dem Stollenwart gedient haben könnte oder als Rückstauraum vorgesehen war. An allen weiteren Gasschleusen wurden vergleichbare Räume angesetzt, aber nicht fertiggestellt (im Grundriss rot markiert).

In der gesamten Stollenanlage finden sich mehrere aufgefahrene Stollenteile, die noch nicht oder nur teilweise ausgebaut wurden. An diesen Stellen sollte die Anlage schachbrettartig erweitert werden.

Ich habe diese Bereiche im folgenden Plan eingezeichnet und so ergänzt, wie die Anlage auf Grundlage dieser Teilstücke logisch hätte erweitert werden können.

Grundriss erweitert

 

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Mit diesen Erweiterungen hätte das Stollensystem erheblich an Platz gewonnen. Auffällig sind auch die Auffahrungen, die links und rechts über die äußeren Gasschleusen hinausgehen. Möglicherweise sollten hier weitere Stollenteile mit zusätzlichen Zugängen entstehen. Die geologischen Gegebenheiten hätten dies durchaus zugelassen.

Ein unfertiger Stollenabschnitt in LS-Stollen Panzerfaust. Am Boden liegen Betonsteine und Betonstelen, der Stollen ist felsig und schroff.
Ein unfertiger Stollenabschnitt in LS-Stollen Panzerfaust. Am Boden liegen Betonsteine und Betonstelen, der Ausbau wurde nicht mehr abgeschlossen.

Im Hang

Die letzte Grafik zeigt das gesamte Stollensystem in seiner Ausdehnung im Hang des Dachsrain. Dabei wurde der Grundriss der LIDAR-Vermessung in eine Drohnenaufnahme eingefügt, um die Größe der Anlage besser zu veranschaulichen.
 

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Ausschnitt 3D-Modell

Zusätzlich noch ein Ausschnitt aus dem 3D-Modell des Stollens zur besseren Veranschaulichung.

 

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Fazit

Der Luftschutzstollen „Panzerfaust“ am Dachsrain entstand im Umfeld des stark industrialisierten Gebiets von Stuttgart-Feuerbach und diente zunächst vor allem den Arbeitern der umliegenden Betriebe als Schutzraum, wurde mit zunehmender Intensität der Luftangriffe jedoch auch für die Zivilbevölkerung geöffnet.

Mit über einem Kilometer Stollenlänge und einer nutzbaren Fläche von rund 1460 Quadratmetern bot die Anlage theoretisch Platz für etwa 1460 bis 2400 Personen, dürfte während der schweren Luftangriffe jedoch häufig überbelegt gewesen sein. Zahlreiche unfertige Bereiche zeigen zudem, dass der Ausbau der Anlage nie vollständig abgeschlossen wurde.

Die heute noch existierenden Stollenteile geben einen aufschlussreichen Einblick in die Luftschutzmaßnahmen der Industrie- und Arbeiterstadt Stuttgart während des Zweiten Weltkriegs.

Bilder von Trümmer Lümmler aus 2025

Bilder von Hansi aus 2025

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